UEFA-Cup 1997


24.05.97
"Steht auf für den UEFA-Cup" hallte es gegen Ende der Saison 96/97 immer häufiger und lauter durch unser Stadion, und dann war es tatsächlich soweit.
St. Pauli wurde mit 6:0 vom Platz gefegt und danach war nur noch feiern angesagt:
Ob Stunden später beim Sigi (neben etlichen Litern Bier mussten auch einige Haare dran glauben), ob eine Woche später in Leverkusen, wo es um nichts mehr ging oder eine weitere Woche danach bei der alljährlichen Ballermann-Sause auf Mallorca.
Hier waren wir übrigens dank unserer "Europa wir kommen" T-Shirts sofort bekannt wie bunte Hunde.


Danach wurde es ruhiger. Juni und Juli vergingen, und die neue Saison begann.
Am 29.08.97 stand schließlich in Genf der nächste Schritt in Sachen Europa-Eroberung an, die Auslosung der ersten Runde.
Ich hatte Urlaub, und ab 12.00 Uhr glühte bei mir der Videotext.
Als dann feststand, dass die Reise ans Schwarze Meer nach Trabzon führen sollte, musste man sich erst einmal setzen.
Kurz darauf liefen die Telefone heiß, und auf diversen Sondersitzungen wurden verschiedene Angebote studiert.
Unsere Abmachung, nicht mehr als 500 DM auszugeben, hatte übrigens nicht lange Bestand.
Das lächerliche VfL-Angebot wurde kurze zeit später zurückgenommen, und Meierchen zauberte dann die rettende Alternative aus der Tasche: Flug mit allen Transfers und einer Übernachtung für 640 DM.
Nach einigem Hin und Her konnte schließlich gebucht werden.

Am 15.09.97 starteten dann acht Treue (Anm.: eigentlich neun, aber Kasi gehörte damals noch nicht zu unserer Truppe) ins erste UEFA-Abenteuer der Vereinsgeschichte.
Nach einem Zwischenstopp in Istanbul landete unser Flieger gegen 21.30 Uhr auf dem Trabzoner Flughafen, und wir wurden von unserer Vorhut mit Fahne am Zaun und aus dem Hals begrüßt.
Die Zimmer wurden verteilt und die Stadt (nix los) beguckt.
Dann ging es zu Moppels Hotel und wir feierten mit VIPs und Spielerfrauen richtig ab.
Später bekam Macke noch lecker Pansensuppe, und gegen 5 Uhr fielen wir ins Bett.
Der Spieltag kam, und am Vormittag ging es erst einmal in eine Kneipe mit Bier und Aussicht auf den Atatürk-Platz, der sich im Laufe des Tages mit hunderten von Türken füllte, die sich mit uns und den anderen Bochumern auf dem Balkon ein Sangesduell lieferten.
Wir wurden immer betrunkener, Zörnchen hatte leider einen Schwächeltag, und gegen Nachmittag ging es dann mit Taxis zum Stadion.
Na ja, was man halt so Stadion nennt.
Rundherum herrschte reges Treiben und als wir von der schwer bewaffneten und gepanzerten Miliz endlich hereingelassen wurden, musste ich mir erstmal bis zum Anpfiff eine Auszeit nehmen (Zörnchen weckte mich pünktlich).
Sekunden später war es dann soweit. Balu machte mit seinem Elfer das erste UEFA-Cup-Tor unseres Clubs.
Im weiteren Spielverlauf ging es noch ein wenig rauf und runter. Wir kassierten noch zwei Tore, was aber der Stimmung keinen Abbruch tat.
Nach dem Abfiff fuhren wir zurück zur "Balkon-Kneipe", wo noch einige EFES und Snacks vertilgt wurden.
Gegen 01.00 Uhr nachts war dann Abfahrt zum Flughafen, wo wir nach ein wenig Verspätung und Chaos schließlich völlig erschöpft in den Flieger nach Köln stiegen.
Am Mittwoch waren dann alle nach ziemlich genau 48 Std. wieder im guten, alten Bochum.

Vor dem Rückspiel am 30.09.97 hatten wir aufgrund der ungewöhnlichen Anstoßzeit und der Strengen Sicherheitsvorkehrungen (kein Bier, keine Fahnen, keine Hartmänner - Danke Ylmaz!) Bedenken, ob die Stimmung beim ersten UEFA-Cup Heimspiel überzeugen würde, aber wir wurden eines Besseren belehrt.
Das Ruhrstadion kochte über, und wir sahen eines der wohl denkwürdigsten VfL-Spiele überhaupt und wohl auch eines der spannensten.
5:3! wir hatten es geschafft! Der VfL in der zweiten Runde und wir zum Sigi und zwar nicht zu knapp.

Uns blieb nur eine kurze Verschnaufpause, denn am folgenden freitag wurde die zweite Runde ausgelost.
Gegner war diesmal der FC Brügge, ungeschlagener belgischer Spizenreiter.
Die Freude war relativ groß, der Gegner war zu schaffen und nicht weit weg. Endlich ein UEFA-Auswärtsspiel mit tausenden von Bochumern, aber...Pustekuchen!
Da auch das Stadion in Brügge eine Baustelle war, bekam der VfL nur ca. 1600 Sitzplatzkarten, und so war Stress um die Verteilung vorprogrammiert.
Aber irgendwie bekam jeder "Treue" sein Ticket, das eher einer Wertmarke für lecker Pils ähnelte.

Da das Heimrecht getauscht wurde, ging es also am 21.10.97 nach Belgien.
Alle "Treuen", die mitfuhren, saßen in einem Bus, und trotz drohender Alkoholkontrollen war die Stimmung bestens.
In Brügge angekommen, gingen wir direkt ins Stadion, das so einen Hauch von Wattenscheid versprühte und nur knapp zu 3/4 gefüllt war.
Über das Spiel gibt es eigentlich nicht viel zu sagen: Wir verloren 0:1 und machten uns voller Hoffnung auf den Heimweg.
Zu Hause angekommen, gingen die, die noch Zeit und Lust hatten (Lars, Roland, Lüdi und ich) in die Brüderstraße, um den erstenTeil der zweiten Runde ausklingen zu lassen.

Der zweite Teil folgte am 06.11.97.
Rückspiel in Bochum, die hochnäsigen Belgier reisten an und sprachen von einer Katastrophe, würde man gegen diesen VfL ausscheiden.
Tja, diese Katastrophe erlebten sie.
Vor einem alles gebenden Publikum wurden sie 4:1 auseinandergenommen und konnten nach Hause fahren.
Unsereins konnte das alles kaum fassen, und nach einigen Kreislaufbeschwerden (scheiss Clausthaler) ging es zur nächsten Euro-Party ins "Warsteiner".
Dort wurde erneut, diesmal mit einigen Belgiern, bis in den Morgen getru... äh gefeiert.

Der 07.11.97 bescherte uns das Hammerlos Ajax Amsterdam.
Da auch Amsterdam nur 2.000 Karten freigab, schrillten bei uns sofort die Alarmglocken. Der VfL entschloss sich, die Karten in den freien Verkauf zu geben, so dass jeder die Chance hatte, eine zu bekommen.
Wie es wirklich war und was hinter den Kulissen passierte, soll hier nicht weiter erörtert werden.
Der Vorverkauf sollte am 14.11. um 10 Uhr starten, und wir beschlossen, uns wie die meisten anderen anzustellen, da wir nicht wie einige Fanclubs eine Extrawurst gebraten bekommen wollten.
So kam es, dass Matta, Lars, Toddek, Zörnchen und ich uns um ca. 1.30 Uhr zu den bereits Wartenden gesellten, eingepackt wie Polarforscher mit Stühlen für die Bequemlichkeit und Schabau und Bier zum Zeitvertreib.
gegen 7 Uhr hatte man ein Einsehen und eröffnete den Verkauf, so dass wir gegen 8.30 Uhr fix und fertig, fast erfroren, aber glücklich mit jeweils 2 Tickets im Bett lagen.

Bis zum Spieltag wurden alle, die noch keine Karten hatten, irgendwie mit den begehrten Tickets versorgt, und am 25.11.97 hieß es dann "auf nach Amsterdam".
Über 30 Busse starteten vom Kirmesplatz nach Holland, und die Fahrt ist eigentlich als eher ereignislos abzuhaken.
Vor Antritt der Fahrt bekamen allerdings einige, darunter auch "Treue", die Willkür unserer Ordnungmacht zu spüren.
In Amsterdam angekommen, war man erstmal von dieser Art Stadion, damals noch neu, begeistert. Äußerlich jedenfalls, innen folgte gleich die Enttäuschung:
Wie Vieh wurden die 2.000 Bochumer in einen Käfig aus Zäunen, Plexiglas und Netzen an allen Seiten gepfercht. Die Stadionwährung erzeugte nur Chaos, und für alle gäste stand ein einziger Imbissstand zur Verfügung.
Der Ärger war jedoch ruckzuck verflogen, als das Unfassbare geschehen war und der VfL, durch Tore von Reis und Waldoch, mit 2:0 in Führung gegangen war.
Allerdings verstummte der Jubel innerhalb von 4 Minuten, als Ajax zeigte, was passiert, wenn man die Großen ärgert.
Wir verloren 4:2 und fuhren mit dem gedanken nach Hause, dass es dies jetzt wohl gewesen sei.
Beim Entfernen unserer Fahne wurden noch einige artistische Meisterleistungen gezeigt, wobei sich besonders "Räuberleiter-Roland" hevortat.

Was im Rückspiel passierte ist wohl jedem bekannt. Trotz guter Stimmung und ein wenig Hoffnung nach dem 2:1 schieden wir aus, und das Beisammensein beim Sigi fiel entsprechend dürftig aus.

Alles in Allem war das Abenteuer UEFA-Cup für unseren Club ein absoluter Höhepunkt.
In der Türkei und bei den Heimspielen kam echtes Europapokalfeeling auf, und irgendwie hofft die ganze VfL-Gemeinde auf eine Wiederholung in nicht allzu ferner Zukunft.

Zorne

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