26.04.03 SX4-VfL


Juchuuu, endlich war es soweit! Pünktlich zum Jubiläum war es uns vergönnt, zum ersten Mal einen Hallenzock in Deutschlands Fußballtempel Nr. 1 zu besuchen, einen Einblick in die Zukunft des Fußballs zu erhaschen, uns an der unglaublichen Atmosphäre zu berauschen, einfach auch einmal aus unserem unwürdigen Morast der Bundesligaprovinz hinaufzusteigen in die Sphären moderner Groß-Events und Gänsehautfeeling pur zu erleben.
Bevor wir jedoch den Ritterschlag für alle Fußballfans entgegennehmen durften, hatten wir noch in unsere gewohnten Niederungen von Warsteiner (es gibt hier übrigens eine akzeptable Pilsalternative) und öffentlichen Verkehrmitteln hinabzusteigen.

Ab 12 Uhr wollten wir uns treffen, und ich war ausnahmsweise einmal pünktlich.
Viele Treue waren noch nicht zugegen - um genau zu sein, nur Schweppes - dafür aber ein Herr Karl-August von den BoJus, der bereits lautstark den Anwesenden mitteilte, welche Mannschaft er heute zu unterstützen gedenke und welche er irgendwie überhaupt nicht leiden kann.
Nach und nach trudelte allerlei Volk ein. Treue, No Names und einige Eagles waren ebenso zugegen, wie die Prominenz aus den bereichen Sozialarbeit und Aufsichtsrat. Ein Einsatzwagen nach dem anderen passierte unsere Lokalität, und so stand einer stressfreien Fahrt nach Ückendorf nichts im Wege. Die Anspannung stieg, und Elke sorgte mit dem Anlass angemessener Musik (u.a. Juliane Werding) für die passende Untermalung.
Irgendwann nach 13 Uhr ging's dann los.

An der Haltestelle angelangt, kam uns ein grölender Mob entgegen, der schnell als Bochumer Jungen zu erkennen war, welche eigentlich versprochen hatten, mit den Ostlern die Reise im gemeinsam eingesetzten BoGeStra-Bus anzutreten. Dieser ist aber aus irgendwelchen Gründen ausgefallen, was dazu führte, dass sich die Ostler zum Einsatz eines Reisebusses entschlossen (habe ich jedenfalls gehört) und BoJus uns die Bahn überfüllen wollten.
Letzteres wäre zu verhindern gewesen, da bald eine planmäßige Bahn mit Fahrtziel Ge-Buer eintraf und der Großteil von uns noch auf Lüdi wartete, der Frau und Kind zur gemeinsamen Weiterreise am Bahnhof abholen wollte.
Tja, irgendwie dumm gelaufen, denn ich gab allen, die zum Betreten der Bahn ansetzten, kund, dass diese nur nach Buer fahre und jeden Augenblick ein Einsatzwagen zur Arena um die Ecke biegen könne. Zornes Richtigstellung "Buer kommt nach der Haltestelle Arena" kam leider zu spät: Lüdi und Familie kamen an, der Zug fuhr leer davon, die Haltestelle wurde immer voller und der Regen immer heftiger.
Ich verzog mich verschämt in eine Ecke, allerdings nicht, ohne mich beim Sportwart für meine kleine Unaufmerksamkeit zu entschuldigen und ihm das, im Übrigen nicht gehaltene, Versprechen abzunehmen, in seinem Bericht nichts davon zu erwähnen.
Ich selbst belohnte mich dann noch für meine Meisterleistung, indem ich wider besseren Wissens Reiseproviant aus dem Hause Moritz F. für mich erwarb. Später rächte sich meine Blase fürchterlich, aber ich habe es ja nicht anders gewollt...außerdem ging es ca. 90% der Reisegesellschaft nicht anders.

Zurück zur Haltestelle: 20 Minuten und einige Bahnen nach Wanne-Eickel später kam die angekündigte Einsatz-StraBa, und -huiii - ging es im Schneckentempo los.
Eine gemütliche Reise begann, auf der wir herrliche Ausblicke auf die Landschaften bestaunen konnten, wobei einige darauf hinwiesen, dass man hier im Sommer herkommen muss, wenn alles blüht.
Ungefähr ab August-Bebel-Platz säumten immer mehr Eingeborene unseren Weg, die uns freundlich zuwinkten, Volkstänze aufführten und leider auch immer wieder an unsere Scheibe klopften, um uns um Geld und Nahrung anzubetteln. Irgendwie ist es überall gleich traurig auf der Welt, wenn die reichen Touristen in die armen Gegenden und Länder einfallen. Beinahe hätte ich bei Ankunft darauf gewartet, dass kleine Einheimische mir das Gepäck tragen wollen oder so...egal, ansonsten hätte man die Fahrt wirklich genießen können, wenn nicht im Körper 6 bar Überdruck geherrscht hätten.

Klar also, was bei Ankunft zuerst zu tun war.
Und dann konnte wir nur noch staunen und schweigen. Über uns ragte er auf, der von allen Freunden moderner Fußballkultur so verehrte Tempel.
Ich war allerdings erst einmal nass, weil es heftig regnete und ungefähr 3 Stunden dauerte, bis ich überhaupt im Stadion war. Wenn ich vorher schon in kilometerlangen Schlangen durchweichen muss, braucht ihr mir hinterher auch keine Halle zu bauen, damit ich trocken bleibe!
Meine Einheit hatte ich in dem Chaos irgendwie auch verloren. Ich fühlte mich plötzlich ganz einsam in der Fremde, und Panik stieg in mir auf.
Ihr könnt Euch meine Erleichterung vorstellen, als ich mit Kasi wenigstens ein Clubmitglied erblickte.
Aufgeregt, der Versuchung, uns an den Händen zu fassen, widerstehend, betraten wir also den Palast, um unsere Sitzplätze im Oberrang zu suchen.
Ich weiß nicht genau, woran es lag - am übermäßigen Alkoholgenuss, wie böse Zungen jetzt behaupten werden, zu diesem Zeitpunkt jedenfalls (noch) nicht - aber irgendwie kam mir das ganze Stadion scheißglatt vor. Vielleicht nicht gestreut, vielleicht hatte ich falsch gewachst, aber nachdem ich mehrfach nur knapp einem bösen Hinfaller entgangen war, beschloss ich, den weiteren Weg nur mit kleinen vorsichtigen Schritten fortzusetzen.

Bald erreichten wir dann unseren Block.
Ich hatte meinen Fanclub, inklusive der Autofahrer, wiedergefunden , verlor dafür aber erst mal die Fassung:
Da stand ich also mit offenem Mund in diesem Prachtbau und war starr vor Ehrfurcht und Staunen.
Leute vergesst das Bernsteinzimmer, Pyramiden, die Chinesische Mauer, die Petronas Towers, das Kollosseum in Rom, den Kölner Dom oder was für ein architektonisches Machwerk Ihr bisher auch immer bewundert habt!!! Jetzt begriff ich, was den Unterschied zwischen einer Arena und einem einfachen Stadion ausmacht. Ganz klein und mickrig fühlte ich mich beim Gedanken an unsere eigene Spielstätte.
Dieser Eindruck wurde durch ein Transparent der Gelsenkirchener Ultras, auf dem die Übermächtigen "Mörda Schalker" den kleinen VfL abschlachteten, noch verstärkt, und ich sah uns schon deprimiert wie begossene Pudel die Heimreise antreten.
Und dann kam alles so anders!

Die Teams liefen (zur Musik von Status Quo, was mir ehrlich gefallen hat) ein, und bereits jetzt begann ein guter Bochumer Block, sich recht lautstark bemerkbar zu machen. Ich hatte ja die Befürchtung, dass sich viele "Arena-Touristen" unter die 6-7.000 Bochumer mischen würden, aber diese erwies sich als unbegründet. Fast der komplette Block stand während der kompletten Spielzeit hinter der Mannschaft.
Auch heute kam das beliebte "Wen lieben wir? - VfL!" zwischen Ober- und Unterrang besonders gut an.
Lediglich unsere Clubfahne, die sich langsam aber sicher zum Running-Gag entwickelt, fehlte zur Abrundung des Gesamteindrucks. Wahrscheinlich wurden die GE-Ordner aus Bremen und/oder Wolfburg gewarnt, jedenfalls durften wir das Ding diesmal gar nicht erst mit reinnehmen. Begründung: "Schon zu viele Fahnen, kein Platz mehr!" Komisch nur, dass zwar schon viele Fahnen hingen, aber dennoch jede Menge Platz vorhanden war.
Von den Fans der Heimmannschaft war auf unseren Plätzen von Beginn an enttäuschend wenig zu vernehmen. Vielleicht klingt es auf dem Platz ja anders, aber selbst die obligatorischen "Attacke"- und "Schalke! Schalke!"- Rufe habe ich bei jedem Spiel gegen uns im Parkstadion lauter gehört.
Nach einigen Spielminuten erinnerte mich nur noch der Videowürfel daran, wo wir uns eigentlich befanden. Dieser brachte übrigens zusätzliche Spannung: Nach einem klackenden Hinweiston (Die alte SpiW-Melodie, oder was war das?) stellte man sich immer die Frage, ob ein Zwischenergebnis von einem anderen Platz kommt oder der Hinweis, wie lang es noch dauert, bis es Zeit für ein Langnese-Eis ist; in Anbetracht des Bierangebotes übrigens eine Überlegung wert.
Egal, der VfL war zwar nicht gerade die tonangebende Mannschaft, ging aber durch Christiansen mit 1:0 in Führung. Leider dauerte es nicht lange bis zum Ausgleich.
Die Hausherren erspielten sich einige dicke Chancen, bei deren Auslassen sich besonders ein Herr Agali hervortat.
Nachdem im Laufe der 2. Halbzeit (nebenbei: in der Pause fragte ich mich, ob es in der Arena eigentlich mehr Scheißhäuser als Pinkelbecken gibt!?!) die Angriffsbemühungen der Gastgeber immer kläglicher wurden, stiegen die Stimmung im Bochumer Block und die Hoffnung auf einen Punktgewinn.
Aber warum so bescheiden?
Vom Publikum lautstark gefordert, wechselte Geburtstagskind Peter Neururer, unter tosendem Applaus, unseren schmollenden Ausnahmefußballer aufs Feld, und in der 89. Minute schoss das Silberschühchen eine Bude, von der ganz Fußball-Bochum noch lange Zeit reden wird.
2:1 durch Buckley! Froide, Froide! Alles liegt sich in den Armen! Grenzenloser Jubel! Keine nennenswerten Ausgleichsbehühungen mehr...und dann der Abpfiff! Kollektiver Freudenrausch, wildfremde Menschen küssen sich, wollen sich sinnlos vermehren! Neben mir entdecke ich einige Tränen der Rührung! Und immer wieder freudenstrahlende Gesichter, Menschen, die tanzen sich abklatschen und umarmen! Es würde mich nicht wundern, wenn einige Pärchen (oder auch Fremde) spontan auf der Tribüne Liebe gemacht haben.
"Übertrieben!" werden einige Vereinsfremde jetzt sagen, aber wenn der VfL durch einen Sieg in letzter Minute in der Gelsenkirchener Arena den Klassenerhalt so gut wie sicherstellt, dann ist das einfach einer der geilsten Erfolge, die sich ein VfLer zur Zeit realistisch vorstellen kann.
Die Mannschaft wurde gebührend gefeiert und noch lange nach dem Abpfiff wurde im Gästebereich gesungen und gescherzt.
Auch wir beschlossen der Ort des Triumphes nicht sogleich zu verlassen, sondern auf ein Getränk zu verweilen und die fußballerische Demonstration im Stadion-TV ein weiteres Mal zu genießen.
Weil ich mich geweigert hatte, die alberne Knappenkarte zu erwerben, da ich mir beim besten Willen nicht vorstellen konnte, was ich damit kaufen sollte, musste ich von Roland ein Veltins erschnorren. Nach so einem Sieg ist man sogar bereit, sich diesen Fehlgriff der Braukunst in den Rachen zu schütten.
Die Schlapphüte der "Blau-Weißen Freunde von Block A" waren ebenfalls zahlreich vertreten, und irgendwann brachen wir auf zur Haltestelle.
Nach einem kleinen Disput mit Batkes über seine Rechtschreibung, erreichten wir diese, um festzustellen, dass wir mit unserer Idee, den größten Andrang abzuwarten, nicht alleine waren.
Rein kamen wir aber doch, ich erhaschte sogar einen Sitzplatz und - huiii - ging es noch lahmarschiger als auf der Hinfahrt zurück in die Heimat.
Über die Fahrt, die fast länger dauerte als die Rückfahrt aus Wolfsburg, decken wir besser den Mantel des Schweigens. Dass Block A die Bahn bereits in Wattenscheid verließ, hat uns allerdings zu denken gegeben.

Spät aber letztlich doch rechtzeitig erreichten wir Elkes Wirtshaus.
Nun begann das übliche Programm: Singen (Timo stimmte neben anderen Gassenhauern immer wieder das Europapokal-Lied an), eine Kleinigkeit trinken und hochgeistige Diskussionen führen. Dabei ging es diesmal u.a. um Boulevardjournalismus, deutsches Strafrecht und Rechtsprechung, Nationalgefühl und Häschenwitze. Wie immer war ich in nahezu allen Punkten komplett anderer Meinung als Zorne. Ich hoffe er sieht es mir nach und hat mich weiterhin lieb ;-)
Einig waren wir uns allerdings darin, dass wir schon viele exotische Essgewohnheiten erlebt haben (insbesondere im Zusammenhang mit einigen Fanclubmitgliedern), aber dass jemand (kein Treuer!) im Halbschlaf über der Theke hängt, plötzlich hochschreckt, einen fast vollen Salzstreuer öffnet und den gesamten Inhalt in sich hineinschüttet noch nicht. Liebe Kinder: Bitte macht das nicht nach!
Andererseits...warum soll man immer nur Leber und Lunge quälen? Die Nieren wollen schließlich auch mal ihren Spaß haben.

Nach einiger Zeit keimte dann in einigen die Idee auf, noch das Festzelt der Maischützen in Harpen aufzusuchen. Ich fand es zwar angemessen, den Sieg über Gelsenkirchen auf dem Fest zu feiern, das alljährlich anlässlich des Sieges der Bochumer Junggesellen über Dortmunder Viehdiebe stattfindet, wusste aber auch, dass ein solcher Ausflug für mich wahrscheinlich in jeder Beziehung böse enden würde.
Also spielte ich mal den Herrn Vernünftig und blieb allein, aber glücklich, bei einem letzten Bier zurück.
Taxi bestellt, mein Schätzken durch frühe Anwesenheit überrascht und in seligen Schlaf gefallen.
Tage später wurde mir bescheinigt, dass ich das Grinsen von diesem Spieltag immer noch im Gesicht hätte.

Fazit: Ein genialeren Spieltag kann man als Bochumer z.Zt. wohl nicht erwarten.
Und liebe Freunde aus Gelsenkirchen: Wenn mal wieder von Bochumer Seite über euren Prachtbau, mit Worten wie Mehrzweckhalle, Kommerztempel, Popcornkultur usw., gelästert wird, dann glaubt mir, dass das kein Neid ist. Wir Provinzfußballfans sind einfach zu klein, unwissend und bedeutungslos, um solche Pracht wirklich schätzen und genießen zu können.

Ergebenst,
Lars das unwürdige Law

P.S.: Fotos gibt's wohl nicht, da ich mittlerweile, der digitalen Welt vollends entrückt, auch mit einfachen Kleinbildkameras auf Kriegsfuß zu stehen scheine.

P.P.S.: Vielleicht klingt aus meinem Bericht ja heraus, dass ich mit Fußballstadien der Art "Arena AufSchalke" nix anfangen kann.
Dies ist nicht die Ansicht aller Mitglieder im Fanclub "die Treuen".
Wer hier eine andere Meinung kundtun möchte, kann das selbstverständlich ebenso, wie noch, falls es sich lohnt, über den weiteren Verlauf des Abends in Harpen berichtet werden kann.


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